40 Jahre FGZ

Ansprache zum 40. Jubiläum des Familien-GesundheitsZentrums (FGZN) am 27.09.2019

Liebe Mitarbeiterinnen des Familiengesundheitszentrums
Liebe Freundinnen und Freunde, Unterstützerinnen und Unterstützer und liebe ProjektpartnerInnen des Familiengesundheitszentrums.

40 Jahre! Ein halbes Menschenleben ist es her, dass einige der hier anwesenden Frauen mit vielen anderen das Feministische Frauengesundheitszentrum in der Hamburger Allee in Bockenheim

gegründet haben. 1977 hatten sie sich in der „Schwangeren und Müttergruppe“ des Frauenzentrums in der Eckenheimer Landstraße 72 kennengelernt. Diese Vorgeschichte ergibt sich aus dem Buch mit dem vielsagenden Titel: „Mutterfrust – Mutterlust“ – es war das erste von Frauen für Frauen geschriebene Handbuch für Schwangere und Mütter nach der Geburt. Darin heißt es:

vier Mütter „wollten die Erfahrungen, die wir während der Schwangerschaft, der Geburt und dem Stillen gemacht hatten, aufarbeiten und den anderen vermitteln in der Form, daß sie bestimmte Fehler nicht auch wiederholen müssen. Unsere negativen Erfahrungen bezogen sich dabei vor allen Dingen auf die Geburtspraktiken in den Kliniken.“ Die neun Schwangeren in der Gruppe „wollten erst einmal wissen: wie war das denn bei Euch?

Wer das heute hört, denkt vielleicht, es habe sich damals ein netter Gesprächskreis oder eine Selbsthilfegruppe gebildet. Im Kontext der damaligen Frauenbewegung handelte es sich jedoch um eine politische Gruppe. Das heißt: ein noch unklares Unbehagen an einer viele Frauen betreffenden Lebenssituation wurde zum Ausgangspunkt genommen, um Mechanismen der Frauenunterdrückung aufzudecken und politisch zu bekämpfen. Aus den damals sogenannten „Selbsterfahrungsgruppen“ entstanden Frauenprojekte, die das Ziel hatten, die Welt zu verändern.

 

Auch heute noch wird das Frauengesundheitszentrum durch diese Strategie geprägt: Durch den Erfahrungsaustausch in Gruppen werden gesellschaftliche Problemfelder erkannt und können Strategien zur Verbesserung der Lebensbedingungen entwickelt werden.

 

Damals beschrieben die Gründerinnen des Feministischen Frauengesundheitszentrums diesen Prozess so:

Uns wurde durch diese Auseinandersetzung klar, wie entfremdet uns Schwangerschaft, Geburt, Stillen gegenüber stehen, trotz des Entschlusses, ein Kind haben zu wollen. Die Kliniken überfahren uns mit ihren technisch perfekten Geburtspraktiken, wir sind hilflos gegen Abstillspritzen, obwohl wir stillen wollen, die Sozialämter zwingen uns zu schlechtem Gewissen, obwohl wir ein Anrecht auf finanzielle Unterstützung haben. Dagegen wollten wir uns wehren.

Zweierlei wird hier deutlich: Es geht nicht nur und auch nicht primär um den technischen Umgang mit dem physiologischen Vorgang der Geburt und des Stillens. Vielmehr geht es um die Entfremdung vom eigenen Körper und vom eigenen Selbst durch patriarchal geprägte Institutionen und die geburtshilfliche Praxis. Und es geht um die Möglichkeit eines selbstbestimmten Lebens in der Schwangerschaft, während der Geburt und danach, physisch, psychisch und auch in finanzieller Hinsicht.

Die Gruppe suchte und fand damals die beiden einzigen Hebammen im Frankfurter Raum, die noch Hausgeburten betreuten – beide schon im Rentenalter. Die eine, Frau Ruhland, hatte Belegbetten im städtischen Krankenhaus von Bad Vilbel. Dessen geburtshilfliche Abteilung stand damals kurz vor der

 

Schließung. Die öffentlichen Proteste der Gruppe konnten das nicht verhindern. Frau Ruhland verlegte ihren Arbeitsschwerpunkt auf die Betreuung von Hausgeburten in Frankfurt und ambulante Geburten in Friedberg. Dort gab es einen Arzt (Dr. Lüdeke), der dazu bereit war, ambulante Entbindungen in seiner Praxis zu ermöglichen – er wurde vom Gynäkologenverband dafür heftig kritisiert.

Erst 15 Jahre zuvor (1963), war die Entbindung im Krankenhaus für alle Frauen zur Kassenleistung geworden. Vorher zahlten die Kassen die Entbindung im Krankenhaus nur, wenn ein besonderes Risiko vorlag. Seitdem versuchten die Gynäkologen jede Geburt, die nicht im Krankenhaus stattfand, als unverantwortbares Risiko darzustellen. Sie waren in dem einflussreichen Gynäkologenverband organisiert, der es bis dahin geschafft hatte, die Facharztausbildung so zu organisieren, dass fast keine Frauen die Möglichkeit hatten, sich zur Frauenärztin weiterzubilden. Die Ausbildung von Hebammen, die an den Kliniken stattfand, wurde so vernachlässigt, dass ein eklatanter Hebammenmangel entstanden war. Die Frauen in der Schwangeren- und Müttergruppe hatten sich schon in den ersten Jahren der Neuen Frauenbewegung im Rahmen der „Aktion 218“ gegen die frauenfeindliche Politik des Gynäkologenverbandes zur Wehr gesetzt. Jetzt kritisierten sie die Pathologisierung von Schwangerschaft und Geburt und bestanden auf ihrem Recht auf eine freie Wahl des Geburtsorts.

Nachdem fünf Frauen aus der Gruppe bei dem Friedberger Arzt ambulant und die vier anderen zu Hause entbunden hatten, wurde das Ratgeberbuch fertiggestellt und – zusammen mit der 218- Beratungsgruppe aus dem Frauenzentrum – wurde 1978 das Feministische Frauengesundheitszentrum (FFGZ) in der Hamburger Allee 45 gegründet.

Dort boten Thea Vogel und Marion Dominiak-Keller auf Grund ihrer in der Gruppe gemachten Erfahrungen und Erkenntnisse „eine andere Form der Geburtsvorbereitung“ an. Im Unterschied zu den damals üblichen Kursen, die „Schwangerschaftsgymnastik“ genannt wurden, sollte in diesen Gruppen den Schwangeren „die Möglichkeit geboten werden, praktische und psychische Probleme der Schwangerschaft, Geburt und Zeit nach der Geburt auszusprechen und eventuell gemeinsame Lösungen zu finden.

 

Die Finanzierung des Feministischen Frauengesundheitszentrums wurde von den Gründerinnen und Unterstützerinnen, die dem Verein beitraten, aus eigenen Mitteln gestemmt, keine wurde bezahlt. Gruppen, die das Zentrum nutzten, zahlten wenig bis garnichts. Einzig die Geburtsvorbereitungsgruppen brachten regelmäßig Geld ein. Denn für diese Kurse konnten Beiträge erhoben werden, die von den Krankenkassen erstattet wurden, wie es für

„Schwangerschaftsgymnastik“ üblich war. Ähnliche Finanzierungen gab es nicht für die Gruppen, die Frauen berieten, die Opfer sexueller oder häuslicher Gewalt geworden waren, die sich kritisch mit Gen- und Reproduktionstechnologien auseinandersetzten oder die Frauen über Abtreibungsmöglichkeiten informierten. Brigitte Peterka, die als eine der ersten einen Geburtsvorbereitungskurs besuchte und sodann selber Kurse übernahm, kümmerte sich schon früh auch um die Finanzen. Sie gehört bis heute zum Leitungsteam und sorgt für Kontinuität.

Wenn Frauen damals nicht in zahlreichen Frauenprojekten jahrelang ohne Lohn gearbeitet hätten, gäbe es heute kein Frauengesundheitszentrum und es gäbe auch nicht die vielen anderen Beratungs- und Hilfsangebote, die damals unter anderem im Feministischen Frauengesundheitszentrum ausgedacht und ausprobiert wurden.

 

Schon 1979 verzeichnete die Schwangeren- und Müttergruppe erste Erfolge:

 

Wegen des Geburtenrückganges (die vorhandenen Betten müssen belegt werden, damit sich der Apparat trägt) einerseits, aber auch unter dem Druck der Forderungen von den Frauen andererseits wurde rooming-in eingeführt, wird allmählich mehr auf die Schwangeren und Gebärenden und auf die Bedürfnisse der Kinder eingegangen.“

Hier wird deutlich, wie katastrophal die Verhältnisse damals waren: Geburten wurden von Ärzten durchgezogen, die Hebammen als ihre Hilfskräfte einsetzten. Hebammen hatten eine vergleichsweise geringe Ausbildung und eine noch viel geringere Bezahlung und sie hatten keine Macht im System Krankenhaus. Eine individuelle und einfühlsame Betreuung der Schwangeren und Gebärenden wurde nicht für nötig gehalten. Nach dem psychischen Befinden des Neugeborenen wurde nicht gefragt. Die Neugeborenen wurden nach der Geburt von der Mutter getrennt und der Obhut der Kinderkrankenschwestern unterstellt. Die primäre Bindung an die Mutter wurde erschwert, erstrecht die Bindung an den Vater. Das Stillen wurde kaum unterstützt und oft durch die Ausgabe von Kunstmilch verhindert, die Konzerne großzügig in Wochenstationen verteilten. Mütter wurden in diesem System tendenziell als Störfaktoren wahrgenommen, Väter galten ohnehin als nutzlos.

 

Fünf Jahre später waren die Erfolge schon ausgeprägter. Ich zitiere aus der Frankfurter Rundschau, die 1985 über die Erfolge des Feministischen Frauengesundheitszentrums berichtete:

Krankenhäuser haben mindestens in einer Hinsicht darauf schon reagiert. Entbindungen sind zur Angelegenheit von Mutter und Vater geworden, zwischen stationärer und ambulanter Geburt kann vielfach gewählt werden. Die Behandlungsmethoden sind differenziert und auf die Bedürfnisse der Frauen abgestimmt. Wehen werden nicht mehr nach dem Dienst- und Freizeitplan des Personals eingeleitet. Eltern stellen Forderungen. Das Frauengesundheitszentrum bestärkt sie darin.

 

In diesem Jahr, 1985, fand eine Zeitenwende statt: Die neu gegründete Partei „Die Grünen“ war in den Hessischen Landtag eingezogen und hatte in der Koalition mit der SPD das „Hessische Aktionsprogramm für Frauen“ mit einem Finanzvolumen von fünf Millionen Mark durchgesetzt.

Daraus konnten fast alle feministischen Projekte in Hessen eine Grundfinanzierung erhalten. Befristete Stellen konnten geschaffen und die Arbeit konnte ausgeweitet und professionalisiert werden.

Diejenigen, die Geburtsvorbereitungskurse anboten, vernetzten sich bundesweit und entwickelten auf Initiative der von Frauen 1980 gegründeten „Gesellschaft für Geburtsvorbereitung (GfG)“ ein Fortbildungsprogramm. Zielgruppe dafür waren Pädagoginnen, Psychologinnen und Hebammen. Seither haben alle Kursleiterinnen diese zertifizierte Fortbildung absolviert.

Auf Grund der finanziellen Förderung des Zentrums konnten jetzt neben den Kursen auch Einzelberatungen angeboten und verschiedenste Veranstaltungen durchgeführt werden. Themen waren z.B.: „Geburt unter Wasser“, „Der Mann in der Geburtsvorbereitung und bei der Geburt“,

Fortbildung für Hebammenschülerinnen zum Thema Geburtsvorbereitung für Paare“, Amniozentese – Freiheit der Entscheidung oder Zwang zur Qualitätskontrolle?“, „Aids in der Geburtshilfe“ und ein Thema, das heute eigentlich wieder aufgegriffen werden sollte – aber bitte auf Initiative von Männern: „Zeugungsangst und Zeugungslust von Männern“.

 

Diese schöne Zeit, in der die Angebote ständig ausgeweitet werden konnten, endete jäh, als 1987 die rot-grüne Koalition platzte und die CDU die Regierung übernahm. Der Finanzminister hielt die Arbeit des Feministischen Frauengesundheitszentrums für „Traumtänzerei“, für die er keine Steuergelder verschwenden wolle. Trotzdem arbeiteten die ca. 40 im Feministischen Frauengesundheitszentrum aktiven Frauen in ihren 10 Themenfeldern weiter.

 

Der Bereich Geburtsvorbereitung war so gewachsen, dass die Kursleiterinnen die Planung für einen Auszug in andere Räume und damit verbunden, die Gründung eines eigenen Vereins in Angriff nahmen. So entstand 1989 das „Frauengesundheitszentrum Neuhofstraße“ (32 H) in Trägerschaft des Vereins „FrauenGesundheitsZentrum e.V.“.

Weil im gleichen Jahr die Grünen in der Stadt Frankfurt erstmals eine Koalitionsregierung mit der SPD bilden konnten, wurde die Förderung des Frauengesundheitszentrums wieder aufgenommen, diesmal durch die Stadt. Verantwortlich dafür war Margarethe Nimsch als Dezernentin für Frauen und Gesundheit. Und so konnte die dauerhafte Weiterarbeit gesichert werden. Seither wird die Bedeutung von Träumen und Tänzen für ein gutes Leben und die Notwendigkeit des Frauengesundheitszentrums nicht mehr in Frage gestellt.

 

So wie Kinder ständig wachsen und Familien sich kontinuierlich weiterentwickeln ist auch das

„Frauengesundheitszentrum Neuhofstraße“ immer weiter gewachsen und hat sich weiter entwickelt zum „Familiengesundheitszentrum“ mit Räumen in der Neuhofstraße und in der Günthersburgallee und mit weiteren Tätigkeitsschwerpunkten in Fechenheim Süd und Fechenheim Nord, in Bergen- Enkheim, im Riederwald und in Bonames.

 

Es gab auch inhaltliche Erweiterungen: Zunächst wurde der Zeitraum rund um die Geburt, in dem Frauen begleitet werden, nach vorn und hinten ausgedehnt: neben die Geburtsvorbereitung traten Beratungsangebote bei ungewollter Kinderlosigkeit und bei unerwünschter Schwangerschaft. Seit 1994, seit der Reform des Abtreibungsrechts, ist das Frauengesundheitszentrum anerkannte 218- Beratungsstelle. Früh schon kamen die Unterstützung beim Stillen sowie Kurse für Rückbildung und Neufindung in das Programm; aber auch Angebote für Frauen, die ihr Kind verloren haben und für Frauen mit Wochenbettdepressionen. Hinzu kamen Kurse zu den Themen Säuglingspflege und Babymassage sowie Beratungsangebote für Eltern mit sogenannten Schreikindern und für Eltern nach einer Frühgeburt. Die Erkenntnis, dass die Zufriedenheit von Mutter und Kind wesentlich gefördert wird, durch die physische und psychische Gesundheit der Mutter, führte zur Einführung von Yoga- und Feldenkrais-Angeboten. Ebenso wichtig ist eine gute Paarbeziehung. Deshalb wurden von Anfang an Väter in die Geburtsvorbereitung einbezogen und deshalb wurden einige Jahre auch Angebote für Paare in das Programm aufgenommen, wie Paarmassage oder Paartanz.

 

Weitere wichtige Wachstumsschritte erfolgten ab 1992:

Die Ausweitung des Programms machte es 1992 nötig aber auch möglich, eine erste Mitarbeiterin fest anzustellen. Auch konnten die Kursleiterinnen bezahlt werden. Trotzdem gab es noch viel ehrenamtliche, unbezahlte Arbeit für die Frauen im Leitungsteam. Sie machten sich damals an die Entwicklung eines neuen Großprojekts:

1993 wurde zusammen mit einer Gruppe von Hebammen das Geburtshaus, das heute in der Böttegerstraße 22 ist, in Ginnheim eröffnet. Nachdem die letzten freiberuflichen Hebammen, die noch Hausgeburten betreut hatten, in Rente gegangen waren, war eine neue Generation von Hebammen herangewachsen, die nicht nur den Bedürfnissen der Schwangeren und der Neugeborenen unter der Geburt gerecht werden wollten, sondern auch ihrem eigenen Bedürfnis nach halbwegs geregelten Arbeits- und Familienzeiten. Finanziert werden konnte die Einrichtung des Geburtshauses mit dem Preisgeld der Karl Kübel-Stiftung „für herausragendes Engagement von Organisationen und Initiativen für die Belange von Eltern und Kindern“. Das Preisgeld in Höhe von

30.000 Euro war an das Frauengesundheitszentrum gegangen, wurde aber für das selbständig arbeitende Geburtshaus verwendet. Das nenne ich Frauensolidarität!

 

1995 wurden in der Günthersburgallee 14 H zusätzliche Räume angemietet, die den weiteren inhaltlichen Ausbau des Programms ermöglichten. Jetzt wurde nicht nur die Zeit rund um die Geburt mit vielfältigen Beratungs- und Kursangeboten abgedeckt, sondern es wurden allgemeiner Zeiten des Übergangs und von Lebenskrisen in den Blick genommen: so entstanden unter anderem Kurse für Frauen in den Wechseljahren, Elterntreffs und Kurse für die Bewältigung traumabedingter Stresserfahrungen.

 

Im Geiste der Neuen Frauenbewegung sollten nicht nur privilegierte Frauen angesprochen werden, die sich im deutschen Gesundheitssystem auskennen und die nötigen Kursgebühren aufbringen können. So beantragte das FGZ Mittel für die Ausbildung einer türkischen Mitarbeiterin bei der Mary- Ann Kübel-Stiftung. Sie könnte ab 1994 in einem

EU-Projekt türkische Frauen und ihre Partner in türkischer Sprache auf die Geburt vorbereiten, manchmal zur Geburt oder zur Frauenärztin begleiten und unterstützt sie bis heute im Kinder- und Familienzentrum in der Anfangszeit mit Baby, bei dessen Gründung ihre Sprach- und Kulturkenntnisse wichtig waren.

 

Ein wichtiger folgerichtiger Schritt war es, weniger privilegierte Frauen dort aufzusuchen, wo sie wohnen: im Stadtteil; und ihnen ein Angebot zu machen, dass zu ihrer Lebenssituation als Mütter passte: in der Kita. Daraus entstand das Modellprojekt Kinder- und Familienzentrum (KiFaZ) Fechenheim“. Es wurde 2007 als Kooperationsprojekt zusammen mit dem „Sozialpädagogischen Verein zur familienergänzenden Erziehung e.V.“ eröffnet. 2016 erhielt es den „mixed up Preis“ des Bundesfrauenministeriums in der Kategorie „Dauerbrenner“. Die inhaltliche Erweiterung wurde

durch die Umbenennung des Zentrums in „Frauengesundheitszentrum für Frauen und Familien“ zum Ausdruck gebracht.

Weitere Treffpunkte, Kurs- und Beratungsangebote entstanden in den folgenden Jahren im Rahmen der „sozialräumlichen Familienbildung SoFa“ und der „Frühen Hilfen“ – Programmen unter Federführung des Jugendamtes – in Stadtteilen mit überdurchschnittlich vielen benachteiligten Familien. Als 2015 viele Flüchtlinge nach Frankfurt kamen, stellte sich das Frauengesundheitszentrum sogleich der Aufgabe, schwangere Frauen und Mütter in der Flüchtlingsunterkunft in Bonames zu unterstützen.

Wegen der Ausweitung in verschiedene Stadtteile und Sozialräume und weil neben Frauen auch die Väter als aktive Partner angesprochen werden sollten, wurden die Einrichtungen im Nordend umbenannt in "Familiengesundheitszentrum" – bei Beibehaltung der Abkürzung FGZ – unterer dem Dach des Vereins FrauenGesundheitsZentrum e.V.

 

Im Laufe der Jahre trugen die Kursleiterinnen des Frauengesundheitszentrums durch ihr Engagement und ihre Erfahrungen dazu bei, die Kurse der „Gesellschaft für Geburtsvorbereitung Familienbildung und Frauengesundheit“ (GfG) weiter zu entwickeln. Umgekehrt wurde die Arbeit im Frauengesundheitszentrum durch die von der GfG entwickelten Konzepte und Programme bereichert. Zu nennen sind vor allem die Kurse für Rückbildung und Neufindung, die Fabel-Kurse und die ganzheitliche Familienberatung. Dafür erhielt Thea Vogel als Mitbegründerin des Zentrums und treibende Kraft hinter der Entwicklung vieler Konzepte im Jahr 2010 die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt.

 

Wurden die Gebühren für Geburtsvorbereitungskurse des Familiengesundheitszentrums bis vor einigen Jahren von den meisten Krankenkassen erstattet, so änderte sich das durch das Präventionsgesetz von 2015. Seither können Hebammen, denen die freiberufliche Geburtshilfe immer mehr erschwert worden war, Geburtsvorbereitung als neuen Arbeitsschwerpunkt entwickeln. Angebote des Familiengesundheitszentrums werden von gesetzlichen Krankenkassen oft nicht mehr finanziert, weil sie – anders als die Hebammen – nicht in das medizinische Gesundheitssystem integriert sind.

Das nimmt allerdings den Geburtsvorbereitungskursen, die das Frauengesundheitszentrum anbietet, nicht die Bedeutung: Gerade weil diese Kurse nicht in das System medizinischer Ausbildungen und Kliniken eingebunden sind, behalten sie ihre kritische Distanz zu einem System, das immer noch und immer wieder dazu neigt, Geburten als rein physiologischen Vorgang zu verstehen und den Geburtsverlauf mit Medizintechnik zu beherrschen.

 

Durch die Pionierarbeit der Gründerinnen des Frauengesundheitszentrums wurden viele Fortschritte erreicht. Heute besteht in den Kliniken der Anspruch, auf die Wünsche der Schwangeren einzugehen und die Gefühle des Neugeborenen zu berücksichtigen. Die Bindung von Mutter und Kind wird unterstützt und auch der Vater wird in das Geburtsgeschehen eingebunden. Manche Frauen haben die Möglichkeit, in einem Geburtshaus zu gebären.

Aber ähnlich wie vor 40 Jahren klagen wir auch heute – allerdings auf einem höheren Niveau:

Wir beklagen einen eklatanten Hebammenmangel. Eine Hausgeburt wird auch heute wieder fast verunmöglicht. Im Krankenhaus werden 3 von 4 Schwangeren als Risikogeburten eingestuft und 9 von 10 Schwangeren werden einem – oft vermeidbaren – Eingriff unterzogen.

Dagegen richten sich neue, zum Teil international agierende Fraueninitiativen, die – über das Internet vermittelt – zu Protesten aufrufen. Sie heißen „Motherhood“, „Roses Revolution“ und

„Gerechte Geburt“.

Das Familien Gesundheitszentrum ist im Vergleich dazu ein „Dauerbrenner“:

Seit 40 Jahren werden Schwangere dazu ermutigt, ihre Kraft und Fähigkeit zu erfahren, ein Kind zu gebären und Mutter sein zu können. Durch Einbeziehung der Väter werden Frauen darin unterstützt, eine gleichberechtigte Elternschaft zu realisieren. In Krisen erhalten sie Beratung und Hilfe. Alle werden ermutigt, sich mit anderen zu vernetzen, um sich gegenseitig unterstützen zu können.

Als ich letzte Woche zum Vorgespräch im Zentrum in der Günthersburgallee war, traf sich dort gerade eine Gruppe japanischer Mütter, die englischsprachige Geburtsvorbereitungskurse besucht haben, die von Gabriele Kemmler angeboten worden waren, einer Mitbegründerin des FGZ, die im Zuge des Generationenwechsel aus dem Leitungsteam ausgeschieden ist.

 

Das Familiengesundheitszentrum steht nach wie vor in der Tradition der feministischen Gesundheitspolitik der Gründungsjahre:

  • Indem es mit seinen Angeboten von den Erfahrungen und Bedürfnissen der Frauen ausgeht, die Mutter werden oder Mutter
  • Indem den Frauen und auch den dazugehörigen Vätern keine Verhaltensanweisungen vorgegeben werden, sondern indem sie darin bestärkt werden, ihre Gefühle wahrzunehmen und ernst zu nehmen, ihre Bedürfnisse zu artikulieren und notfalls auch
  • Auch das Lernen im Gespräch und die dadurch entstehenden Beziehungen und Möglichkeiten der Solidarisierung sind zentrale Bestandteile einer frauenpolitisch relevanten

 

Die Arbeit des Frauengesundheitszentrums ist frauenpolitisch nach wie vor notwendig, weil die gesammelten Erfahrungen der Frauen und Familien dazu beitragen, bedarfsgerechte Angebote für Frauen und Familien zu entwickeln und Strukturveränderungen durchzusetzen.

Dazu gehört die Forderung nach einem grundsätzlichen Umdenken bei der Organisation der Geburtshilfe: weg von einem System, das durch Kosteneffizienz und Technikglauben gesteuert wird, hin zu einem System, das die Bedürfnisse, Empfindlichkeiten und Stärken der Mütter, Väter und Kinder zum Ausgangspunkt nimmt.

Dazu gehört auch die Forderung nach einem Sozialsystem, das Eltern nicht zu Bittstellern macht, wenn sie wegen der Geburt eines Kindes in finanzielle Schwierigkeiten geraten

Und dazu gehört auch die Forderung nach einem Sozialsystem, das es Eltern ermöglicht, ein Kind mit einer Behinderung nicht als Behinderung für das eigene Leben zu empfinden.

 

Ausdruck einer feministischen Haltung ist schließlich auch die Tatsache, dass das Zentrum ohne formelle Leitungsstruktur aufgebaut und 40 Jahre erfolgreich geführt wurde.

Bemerkenswert ist, dass es dem Team der Gründerinnen gelungen ist, in einem sorgfältig moderierten Prozess des Übergangs eine neue Generation jüngerer Frauen vom Prinzip der gleichberechtigten Teamleitung zu überzeugen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass diejenigen, die mittlerweile im Rentenalter und Großmütter sind, selber schon viele Übergänge in ihrem Leben meistern mussten und diese als Fachfrauen für Übergänge jeweils entsprechend reflektiert haben.

 

Dem jungen Team, das in letzter Zeit die Leitung des Familiengesundheitszentrums übernommen hat, und den zahlreichen Kursleiterinnen, ohne die das Zentrum eine hohle Hülle wäre, wünsche ich, dass sie in den nächsten 40 Jahren mit dem gleichen Erfolg die Arbeit des Zentrums fortführen und weiterentwickeln.

 

Prof. i.R. Dr. Sibylla Flügge

Familien Gesundheits Zentrum

Neuhofstraße 32 H
60318 Frankfurt am Main

Günthersburgallee 14 H
60316 Frankfurt am Main

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